Zurück aus dem Urlaub – und auf der Heimreise eine Begegnung der besonderen Art …

28.11.2013 - Flug von Delhi nach Istanbul. Neben uns am Fenster sitzt – mutmaßlich – ein Inder mittleren Alters, mit gepflegtem Äußeren – braunes Sakko, dunkler Schnauzbart – schlank, etwas kleiner als wir. Noch vor dem Start werden kleine Beutel ausgeteilt – wie bei längeren Flügen üblich mit Socken und Schlafmaske. Dabei ist es ein Flug mit der Sonne bei Tag. Wir beobachten, dass der Inder neben uns nicht nur den Sitz und den Inhalt der Sitztasche vor ihm behutsam inspiziert, sondern auch den kleinen, gerade ausgeteilten Beutel. Jutta flüstert zu mir: schau mal, der fliegt bestimmt zum ersten Mal. Fast fürsorglich-mitleidig sehen wir immer mal wieder zu ihm hinüber, helfen ihm bei der Bedienung der Fernbedienung für das Board-Unterhaltungsprogramm, reichen ihm Getränke und Essen herüber, als die Stewardess bei uns vorbei kommt.

Emotions of Tantra

Von Barbara Grilz – Oktober 2013
(mit freundlicher Genehmigung von Barbara)

You’re standing outside --- outside on a green field --- surrounded by perfect nature. No people, no noises, no clouds. Just you and the perfect nature. --- You’re naked. --- Arms stretched sidewards. The air is warm, you don’t feel cold. A light breeze of wind wrapped you in invisible arms. It touched your body softly. --- You’re stretching your head to the sky with closed eyes. You feel the soft breeze in your face, the sun warms you up.

 

Emotionen des Tantra

Von Barbara Grilz – Oktober 2013
(übersetzt von Ralf – mit freundlicher Genehmigung von Barbara)

Du stehst draußen --- draußen auf einem grünen Feld --- umgeben von perfekter Natur. Keine Menschen, keine Geräusche, keine Wolken. Nur Du und die perfekte Natur. --- Du bist nackt. --- Arme seitwärts gestreckt. Die Luft ist warm, Dir ist nicht kalt. Ein leichter Windhauch hat Dich mit unsichtbaren Armen umhüllt. Er berührte Deinen Körper sanft. --- Du streckst Deinen Kopf zum Himmel mit geschlossenen Augen. Du fühlst die sanfte Brise in Deinem Gesicht, die Sonne erwärmt Dich.

Wahrheit ist ein heikles Thema. Ein Thema mit vielen ganz unterschiedlichen Sichtweisen. Ein Thema, das nicht nur kontrovers diskutiert werden kann, sondern vor allem Fanatiker auf den Plan ruft und in Rage geraten lässt.

Der Grund, warum dieses Thema immer wieder für Zündstoff sorgt ist die weit verbreitete Ansicht, es gebe nur eine objektive Wahrheit – und natürlich führt diese Ansicht zum Streit unter denjenigen, die behaupten die objektive, einzige Wahrheit zu kennen und in deren Besitz zu sein – deren Wahrheiten sich doch ganz offenbar deutlich voneinander unterscheiden.

Da gibt es zum Beispiel die Gruppierung der Zeugen Jehovas, die ihre Bibelauslegung ganz ungeniert als „Die Wahrheit“ bezeichnen. Dies stößt bei anderen religiösen Strömungen nicht wirklich auf Gegenliebe – denn natürlich sind sie alle der Ansicht im Besitz der Wahrheit zu sein. Und wenn man davon ausgeht, dass es nur eine Wahrheit gibt, dann sind Dissonanzen vorprogrammiert.

Dabei hat schon der buddhistische Philosoph Nagarjuna vor fast 2000 Jahren erkannt: „Es gibt nur eine falsche Sicht der Dinge: nämlich der Glaube, meine Sicht der Dinge sei die einzig richtige“. Ersetzt man „Sicht der Dinge“ durch „Wahrheit“, kommt man der Wahrheit schon sehr nahe.

Schon aus der Analyse von Zeugenaussagen nach einem Verkehrsunfall wird deutlich: obwohl es nur ein Geschehen gab, können die Aussagen mehrerer Zeugen diametral auseinander liegen. Da variiert die Farbe der beteiligten Fahrzeuge von rot bis dunkelblau, da werden sowohl die Fahrtrichtungen, als auch die Geschwindigkeiten der beteiligten Fahrzeuge ganz unterschiedlich beschrieben und den Stand der Ampel zum Zeitpunkt des Geschehens kann sich der aufnehmende Beamte quasi selbst aussuchen. Was also ist die Wahrheit? Was ist wirklich geschehen? Gibt es eine objektive Wahrheit? Und wie kommen so unterschiedliche Wahrnehmungen zustande?

Natürlich gibt es für das Beispiel des Verkehrsunfalls schon eine Wahrheit – denn natürlich hat sich das Geschehen auf eine eindeutige Weise zugetragen und die Umstände waren zum Zeitpunkt des Geschehens ebenfalls eindeutig. Zumindest sagt uns das unser logischer Verstand. Und hätten Kameras das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen, würden sich vermutlich viele Ungereimtheiten klären.

Aber es gibt auch Beispiele, die zeigen, dass es nicht immer möglich ist zu entscheiden, ob es tatsächlich eine objektive Wahrheit gibt. Auch nicht für rein physikalische Vorgänge – also ganz unabhängig von Meinungen, Vorstellungen und Ansichten – ist dies spätestens seit der Entwicklung der Quantenmechanik ein anerkanntes Phänomen – und Problem.

Die Naturwissenschaften haben erkannt, dass sich ein physikalischer Zustand bei genauer Betrachtung nicht wirklich eindeutig beschreiben lässt. Für viele physikalische – oder auch chemische – Vorgänge bedient man sich daher des Konzepts der Wahrscheinlichkeiten. Zustände werden dabei nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit beschrieben – andere Zustände werden damit vielleicht unwahrscheinlicher, aber nicht völlig ausgeschlossen.

Die Frage ist nun, warum es für uns Menschen manchmal schwierig ist eine objektive Wahrheit – wenn es sie denn überhaupt gibt – auch zu erkennen. Und ist dieses Erkennen bereits für objektiv beschreibbare Vorgänge schwierig – wie schwierig muss es dann erst für Ansichten, Meinungen, Vorstellungen sein, die ja unserer ganz persönlichen Interpretation und Beeinflussung Tür und Tor öffnen?

Die Ursache liegt zunächst aus rein biologischer Sicht in einer Gehirnstruktur begründet, die als „Thalamus“ bezeichnet wird. Aufgrund seiner Funktion wird der Thalamus auch gerne das „Tor zum Bewusstsein“ genannt.

Der Thalamus ist unser wichtigster Filter, der entscheidet, welche Informationen unser Bewusstsein erreichen sollen und welche ins Unterbewusstsein geschoben werden und für uns erst einmal nicht bewusst zur Verfügung stehen. Ohne diesen Filter würden wir von einer gigantischen Flut von Sinnesreizen überrollt werden, die unser bewusstes Gehirn wohl kaum in der Lage wäre zu verarbeiten. So filtert der Thalamus unter dem, was unser Ohr, unser Auge und unsere übrigen Sinnesrezeptoren tatsächlich aufnehmen das heraus, was für unser tägliches oder augenblickliches Überleben wichtig ist – alle anderen Eindrücke werden im Unterbewusstsein gespeichert, verarbeitet oder auch gelöscht.

Auf diese Weise ist es ganz natürlich, dass wir von den Dingen, die um uns herum geschehen, immer nur einen Teil tatsächlich wahrnehmen. Und es wird verständlich, warum jeder Mensch – dessen Thalamus auf seine ganz eigene, persönliche Art und Weise filtert – seine Umgebung etwas anders wahrnimmt. So ist es bereits auf einen ganz einfachen, rein biologischen Filter zurückzuführen, dass sich unsere Wahrnehmung der Umwelt im Detail unterscheidet – also für unser Bewusstsein nicht eine, nicht die Wahrheit existiert, sondern jeder Mensch seine eigene, ganz individuell gefilterte Wahrheit erlebt.

So schrieb Heinrich von Kleist, als er dies wohl erkannte (ohne je vom Thalamus gehört zu haben) an seine geliebte Wilhelmine:
„… Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, … nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge so zeigt, wie sie sind …“ Und er schrieb weiter: „… So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist …“.

Kleist war hier mit seiner Erkenntnis bereits einen Schritt weiter. Die rein biologische Erklärung über die Filterfunktion des Thalamus reicht nicht aus um die Unterschiede zwischen Deiner Wahrheit und meiner Wahrheit zu verstehen. Denn im Grunde lässt der Thalamus ja immerhin einen Teil einer scheinbar objektiven Wahrheit in unser Bewusstsein treten. Und selbst wenn sich der Thalamus bzw. seine Filterfunktion von Mensch zu Mensch unterscheidet, so müsste es zumindest immer viele Überlappungen verschiedener Wahrnehmungen geben. Ist das so?

Tatsächlich wird all das, was unser Thalamus in unser Bewusstsein treten lässt nochmals von unserem Gehirn in ganz individueller Art und Weise verarbeitet. Ganz entscheidend dabei ist unser persönliches Werte-System – unser Gehirn vergleicht jede eingehende Information sofort mit unserem Erfahrungsschatz und beginnt mit einer Bewertung der Information. Schließlich gelangt in unser Bewusstsein nicht, was tatsächlich ist, sondern eine durch unser eigenes Gehirn mehr oder weniger manipulierte Information – das was sein kann, sein darf, sein soll, sein muss. Es ist eine Interpretation der aufgenommenen und bereits gefilterten Information, abgeglichen mit unserer Erwartung, eingeordnet in unsere Bewertung, mit konfabulationsgleichen (erfunden, ohne Realitätsbezug) Interpolationen lückenhafter Bereiche.

Wir müssen uns also damit abfinden, dass das, was wir als „Wahrheit“ erleben, tatsächlich nur ein verzerrtes Bild dessen ist, was wirklich ist – gleich einem Blick durch eine Milchglasscheibe, durch die wir nur schemenhaft erkennen können, was draußen geschieht. So bleibt unsere Wahrnehmung unsere ganz persönliche Wahrheit, die sich in aller Regel von der Wahrheit des Anderen unterscheidet – manchmal nur marginal, oft jedoch auch ganz erheblich.

So bleibt die Frage offen, ob es eine einzige objektive Wahrheit tatsächlich gibt. Sicher ist, dass sie sich zumindest unserer Wahrnehmung entzieht und konsequenter Weise jeder Mensch seine eigene Interpretation, seine eigene Wahrheit erlebt. Und da wir nicht entscheiden können, welche dieser Wahrheiten einer objektiven Wahrheit am meisten ähnelt, müssen wir akzeptieren, dass alle Wahrheiten gleichberechtigt sind. Meine Wahrheit ist ebenso wahr, wie Deine Wahrheit. Niemand kann wirklich entscheiden, welche Wahrheit die richtigere ist. Viele versuchen es – und doch ist alles nur Illusion.

Edgar Allen Poe schrieb: „All that we see or seem – is but a dream within a dream”. Frei übersetzt: “Alles was wir sehen – oder was uns so erscheint – ist nur ein Traum in einem Traum.”

Wir sind immer wieder versucht andere Menschen von unseren Wahrnehmungen, unserer Sicht der Dinge, unserer Wahrheit zu überzeugen oder gar zu überreden. Weil wir nicht verstehen, nicht verstehen wollen, dass unsere Sicht der Dinge nicht die einzig richtige sein muss. Wenn wir uns jedoch bewusst machen, dass auch die Sicht des Anderen ihre Berechtigung hat und meine Wahrheit möglicherweise nicht die einzig richtige ist – wie viele Diskussionen, wie viel Fanatismus, wie viele Kriege bleiben uns dann erspart?

Nehmen wir an, dass unsere Wahrheit tatsächlich nur ein Traum in einem Traum ist – dann lasst uns einfach weiter in Frieden träumen – träum‘ weiter, Mensch …

Wir sind nicht unabhängige Einzelne, sondern voneinander abhängige Viele.

(JACK KORNFIELD)

Als Charlie Chaplin in seinem mittlerweile weltberühmten Gedicht zu seinem 70. Geburtstag (wobei es durchaus auch Meinungen gibt, dass dieses Gedicht gar nicht von Charlie Chaplin geschrieben wurde) u.a. schrieb: „… früher nannte ich es EGOISMUS – heute nennen ich es SELBSTLIEBE …“, da traf er den tantrischen Gedanken schon sehr genau. Dabei ist das Thema Selbstliebe natürlich kein Monopol einer tantrischen Lebensweise, sondern Teil vieler Lebensmodelle und fließt sicher auch mehr und mehr in ein gesellschaftsfähiges Selbstverständnis ein.

Selbstliebe und Egoismus – wo sind die Grenzen? Gibt es überhaupt Grenzen? Sind diese beiden Ausprägungen eines ICH-Bewusstseins grundsätzlich unterschiedlich? Diese und ähnliche Fragen werden in unseren Seminaren immer wieder gestellt und diskutiert. Und leider erleben wir, dass uns nicht wenige – auch erfahrene – „Tantriker“ begegnen, die von Selbstliebe reden, sie aber nur als Deckmantel für ihren ganz persönlichen Egoismus missbrauchen. Es lohnt sich also für jeden, sich immer wieder sein persönliches Selbst-Verständnis bewusst zu machen, darüber nachzudenken, es zu hinterfragen.

Wenn wir geboren werden, sind wir nackt. Wir sind nackt und ohne Scham. Ohne Scham und ohne Angst. Und damit sind wir ganz und gar im Kontakt mit dem Universum, mit dem Ganzen. Unser Selbst hat sich direkt aus dem Universum emporgehoben – und hat einen menschlichen Körper als äußere Hülle angenommen. Am Anfang sind wir noch mit dem Universum verbunden. Wir sind aus ihm entstanden. Nichts ist zwischen uns und dem Universum. Wir sind Teil des Ganzen. Es durchdringt uns und ist nicht nur im Außen, um uns herum, sondern auch in unserem Inneren. Wir brauchen nichts zu tun. Es ist einfach da. Es ist bereits in uns. Wir sind vollkommen frei.

Mit jedem Lebensmonat, jedem Lebensjahr lösen wir uns mehr und mehr vom Universum ab. Irgendwann geht der direkte Kontakt verloren. Wenn wir älter werden, die Lehren und Meinungen unserer Eltern und unserer Umwelt aufnehmen und verinnerlichen, uns prägen lassen von denjenigen, die selbst nicht oder nicht mehr in Kontakt mit dem Ganzen sind, dann bildet sich langsam um uns herum eine Grenze, eine Trennwand, die uns vom Außen, vom Universum, vom Ganzen trennt. Wir selbst bilden diese Seifenblase um uns herum und trennen uns damit vom Universum ab. Nun durchdringt es uns nicht mehr. Zwar ist noch ein Teil in unserem Innern – unser eigenes Selbst – aber auch das vergraben wir immer mehr, bis es kaum noch spürbar ist. Das Universum selbst ist nur noch um uns herum. Es ist, als würden wir gleichsam in der Seifenblase durch das Universum schweben – mittendrin und doch getrennt.

Mit der Zeit blasen wir die Seifenblase etwas auf und bilden uns ein so unsere Freiräume zu erweitern. Wir malen die Seifenblase von innen bunt an und glauben irgendwann, dass dies die reale, bunte Welt sei. Und doch verstehen wir nicht, dass wir uns immer mehr vom Ganzen abtrennen, es durch die bunten Wände irgendwann gar nicht mehr sehen können. Und je mehr wir vom Fühlen und Spüren zum Denken gehen und nur noch auf die bunten Wände schauen, die wir für die Welt halten, vergessen wir langsam mehr und mehr, dass das Universum auch einmal mit uns in Kontakt war, dass wir eigentlich ein Teil des Ganzen sind. Wir vergessen und verdrängen unser Innerstes, mit dem vielleicht noch eine verborgene Verbindung besteht – und irgendwann haben wir sogar Angst davor.

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